Ein Interview der anderen Art für das Magazin des Volkstheaters Wien

„Schlaf ist der größte Feind des Kapitalismus“ In einem Wiener Kaffeehaus. Jessica Glause (Regisseurin), Mona Schwitzer (Dramaturgin) und Ingrid Lang (Schauspielerin) treffen auf die Psychologin Dr. Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung.

Dr. Birgitte Holzinger
Schlaf hat, soweit wir heute wissen, zwei Motoren. Der eine Motor ist ganz klar: man ist müde, man hat sich verbraucht, man muss regenerieren und Zellen aufbauen. Der zweite Motor ist die Tageszeit. Der Fachbegriff dafür ist die Zirkadiane Periodik. Die Tageszeit unterteilt sich, grob gesagt, in helle und dunkle Zeiten, also Zeiten mit Licht und Zeiten ohne Licht. Und wir schlafen eben normalerweise in den Zeiten ohne Licht. Das ist insofern die gesündeste Art zu schlafen, weil beide Steuermechanismen, also die Zirkadiane Periodik und die Notwendigkeit des Zellaufbaus, zusammenspielen. Der Schlaf wird in der Effektivität gestaltet, wie wir ihn erleben, wenn wir normal schlafen.

Der Kellner kommt.

Holzinger
Herr Ober, bitte, ich nehme ein Soda Zitron, aber ohne Zucker.

Jessica Glause
Ich hätte gerne einen Kleinen Braunen.

Ingrid Lang
Ich nehme einen schwarzen Verlängerten.

Mona Schwitzer
Für mich einen Espresso, bitte.

Kellner
Das schreibe ich mir jetzt aber doch auf.

Holzinger
Geh, das merken Sie sich doch!

Kellner
Nein, mein Kurzzeitgedächtnis ist...

Holzinger
Schau, der hat nicht genug geschlafen.

Kellner
Ja, das stimmt. Ich hab gestern Spätdienst gehabt, das wirkt sich gleich auf das Kurzzeitgedächtnis aus.

Holzinger
Ja, das Gedächtnis wird im Schlaf regeneriert. Ich glaube, aus eigenen Beobachtungen und Beobachtungen anderer, dass man sich auch schwerer tut, Süchte zu bewältigen. Schichtarbeiter rauchen oft wie die Wahnsinnigen. Wenn man nicht oder nur wenig geschlafen hat, ist die Kontrollschwelle herabgesetzt.
Es gibt auch bestimmte Körperfunktionen, – man hat erst begonnen, das so richtig zu erforschen – die gekoppelt sind an Tag und Nacht. Die Verdauungsorgane sind nachts zum Beispiel anders geschaltet. Man hat meistens keinen Hunger in der Nacht. Da muss man sich fragen warum, weil tagsüber hat man alle drei, vier Stunden Hunger. Viele Schichtarbeiter haben Verdauungsprobleme. Sie haben nachts einen großen Kalorienbedarf und bekommen Ess-Attacken. Eine wichtige Funktion von Schlaf ist es, die Kalorienbalance wieder herzustellen und die Aufnahme und Umsetzung der Kalorien zu regeln.

Lang
Wenn jemand aber ganz regelmäßig immer in der Nacht isst und am Tag schläft, stellt sich das nicht um?

Holzinger
Oh ja. Wenn jemand das kann, dass er nur in der Nacht lebt und tagsüber schläft, dann hat er die besten Chancen, dass er, physiologisch gesehen, die geringstmöglichen gesundheitlichen Konsequenzen hat.

Glause
Das ist ja auch das Problem von Schichtdiensten.

Holzinger
Genau, der Schichtdienst mit diesen dreimal acht Stunden Rädern ist das Tödlichste, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat. Bei der Schichtarbeit kollidieren physiologische und soziale Bedürfnisse. Gäbe es ausschließlich reine Nachtarbeit müsste man ja eine Parallelwelt entstehen lassen, wo die Leute in der Nacht genauso leben wie tagsüber, inklusive Schulen und Kindern und, ich weiß nicht, Hochzeiten, Begräbnissen... Damit die Leute auch irgendwie am Leben teilhaben können, sind die Schichträder entstanden. Aber es geht auf Kosten der Gesundheit, der Lebensdauer letztlich.

Schwitzer
Und wie unterscheidet sich der Schlaf bei Tag vom Schlaf bei Nacht?

Holzinger
Der Tiefschlaf ist weniger. Es gibt auch weniger REM-Phasen und man ist mehr in den Übergangsstadien zwischen Tiefschlaf und REM-Schlaf gefangen. Der Schlaf tagsüber ist deshalb weniger effektiv und bringt weniger Erholung. Die körperliche Erholung ist immer dem Tiefschlaf zugeordnet. Der REM-Schlaf ist so etwas wie eine seelische Erholung. In dieser Phase findet, laut Schlafmedizin, auch das Träumen statt.

Schwitzer
Wenn man in den REM-Phasen träumt, würde es bedeuten, dass man als Nachtarbeiter weniger träumt?

Holzinger
Der Schlaf ist fragmentierter, unterbrochener. Jedenfalls werden Nachtarbeiter schon auch träumen. Aber wenn ich zum Beispiel mit Schichtarbeitern bei der ÖBB arbeite, höre ich nie, dass sie von irgendwelchen Träumen erzählen. Aber das sind meistens Männer.

Glause
Aha, Traum und Arbeit. Kann man sagen, Träumen ist wichtig, um arbeiten zu können oder um die Arbeit verarbeiten zu können?

Holzinger
Meiner Ansicht nach schon, aber damit stehe ich wahrscheinlich relativ alleine da.

Ingrid
Ich kann meinen Text zum Beispiel erst, wenn ich einmal geschlafen habe.

Holzinger
Ja, Kreative würden das genau so sehen wie ich. Viele Schauspieler üben ihre Rollen in den Träumen. Oder ich kenn ein paar Drehbuchautoren, die sagen, sie holen sich ihre Ideen aus den Träumen. Wir lernen in der Nacht. Diese Prozesse, die meist tagsüber beginnen, gehen in der Nacht weiter.

Glause
Ich habe irgendwo gelesen, Schlaf ist der größte Feind des Kapitalismus.

Holzinger
Super, das finde ich gut. Das ist lustig.

Glause
Weil man a) nichts braucht, im Schlaf muss keiner shoppen gehen, und b) man kann es nicht kontrollieren, nicht zugreifen und auch nicht so stark Reize ausüben. Ingrid
Es gibt keine Werbepausen im Traum.

Holzinger
Ja, dafür wird das Fernsehen, das man vorher konsumiert hat, eingebaut, auch die Werbung.

Schwitzer
Was gibt es für chronobiologische Typen?

Holzinger
Naja, es gibt eben ausgeprägte Abend- und Morgenmenschen und dann gibt’s halt eher Abend- und eher Morgenmenschen und dann gibt’s weder noch. Streng genommen könnte man sagen es gibt fünf chronobiologische Typen. Wobei es Leute gibt, die Schichtarbeit besser aushalten als andere. Es ist nicht jeder so stark betroffen von diesem Wechsel. Glause
Was bringen die mit, was ich z.B. nicht mitbringen würde?

Holzinger
Naja, sie sind meistens Kurzschläfer oder eher Morgenmenschen.

Glause
Wir haben bei uns auch jemanden, der war lange Berufssoldat und sagt, er kann überall sofort schlafen.

Schwitzer
Der hatte, als er zum Beispiel für die KFOR im Kosovo war, immer vier Stunden Schlaf, vier Stunden Arbeit, vier Stunden Schlaf, vier Stunden Arbeit.

Holzinger
Ja, es gibt das sogenannte polyphasische Schlafverhalten. Wir haben einen monophasischen Schlaf, also unsere kapitalistisch organisierte Gesellschaft schläft in der Nacht, wenn’s schwarz ist. Die Spanier zum Beispiel schlafen in der Nacht vier, fünf, sechs Stunden und tagsüber zwei, drei, vier Stunden. Das wäre dann biphasisch, weil’s zwei Hauptschlafphasen gibt.

Glause
Noch mal zum Abendtyp und Morgentyp, die Eulen und die Lerchen. Wir haben einen Professor der Astronomie getroffen, der sagte, er als Eule wollte nur mal in der Lerchen-Gesellschaft darauf hinweisen, dass wir ohne die Eulen eigentlich schon aufgefressen worden wären, weil die Eulen eben die Nachtwächter sind. Er sprach ganz viel von der Dominanz der Lerchen-Gesellschaft.

Holzinger
Ja, das ist ganz furchtbar. Wir sind ja da besonders verblödet in den deutschsprachigen Regionen, weil bei uns fängt ja die Schule bereits um acht Uhr in der Früh an. Ganz schlecht. Ganz schlecht. Man kann sich den Mund fusselig reden, aber der chronische Typus ist angeboren. Das kann man sich zwar in Maßen irgendwie antrainieren und umgewöhnen, aber die innere Uhr funktioniert über die Körperkerntemperatur und die ist angeboren. Aus. Es ist eigentlich total schädigend, gesellschaftsschädigend, weil die ganzen Abendmenschen, mit ihrem genialen, kreativen Potential, sich nicht entfalten können.

Glause
Dann ist doch so etwas wie Nachtarbeit total super für manche Leute.

Holzinger
Ja, weil sie auch mehr verdienen. Und es stimmt schon, viele Nachtarbeiter lieben das Arbeiten nachts und finden das subversiv. Also, sie erleben das in Freiheitsgraden.

Glause
Subversiv ist sehr schön. Ich habe bisher immer nur mit den Begriffen Nachtarbeit und Freiheit operiert. Ich habe aber bei vielen gemerkt, dass sie fast so eine pubertäre rebellische Geste der Gesellschaft gegenüber haben.

 

Ebenfalls nachzulesen auf der Webseite des Volkstheaters, unter: http://www.volkstheater.at/magazin/schlaf-ist-der-groesste-feind-des-kapitalismus/