Pressespiegel

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" Nr. 84 vom 11.04.2007 Seite: N1
Ressort: Natur und Wissenschaft

Im Schlaf zu Höchstleistungen

Luzide Träume sollen sportliche Abläufe verbessern und bei Therapien helfen / Von Barbara Forro

Es wäre traumhaft einfach: Sportliche Trainingsabläufe im Schlaf erlernen oder verbessern. Oder sich selbst von Albträumen und Süchten heilen. Glaubt man der Schlafforschung, sind solche Vorstellungen nicht von der Hand zu weisen. Mit Hilfe von luziden Träumen, die der Schlafende bewusst steuern kann, soll es möglich sein, bestimmte Abläufe im Traum durchzuspielen und sie daraufhin in der Realität besser zu beherrschen oder sich seinen Ängsten in der Traumwelt zu stellen.

Im luziden Traum, auch bekannt als Klartraum, weiß der Schlafende, dass er träumt. Menschen mit diesen Fähigkeiten werden auch Oneironauten genannt, in Anlehnung an das griechische Wort "Oneiro" für "Traum". In die Wissenschaft eingeführt wurde der Begriff von dem niederländischen Psychologen Frederik van Eeden. Er berichtete 1913 der Society for Psychical Research von mehr als 352 aufgezeichneten Klarträumen, die er selbst erlebt hatte. Aufgrund der Paradoxie, während des Schlafes "wach" zu sein, stand die Wissenschaft dem Phänomen lange Zeit skeptisch gegenüber. Erst den amerikanischen Traumforschern Keith Hearne und Stephen LaBerge gelang es 1985 unabhängig voneinander, die Existenz des Klartraums zu belegen. Beide folgten dabei dem gleichen Schema: Ist der Träumer während des Schlafs bei Bewusstsein, sollte er der Außenwelt ein Zeichen geben können. Während der durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichneten Rem-Phase, in der Träume am häufigsten auftreten, ist der Körper jedoch mit Ausnahme der Augen wie gelähmt. Daher sollte der Proband während des Klarträumens mehrmals deutlich nach links und rechts schauen. Diese vereinbarten Muster konnten die Forscher in ihren Schlafaufzeichnungen nachweisen.

Die Besonderheit des Klartraums liegt darin, dass er vom Träumer selbst beeinflusst werden kann. Von diesen Fähigkeiten soll dieser profitieren können, zum Beispiel im Sport. Daniel Erlacher von der Universität Heidelberg ging dieser These in Schlafstudien nach. Bewegungen im Traum scheinen sich in tatsächlichen körperlichen Aktivitäten niederzuschlagen, wenngleich die Traummotorik zu keinen wirklichen Bewegungen führt. Handbewegungen während des Traums ließen sich jedoch als minimale Muskelzuckungen in den Unterarmen messen. Kniebeugen im Traum riefen einen Anstieg des Herzschlags und der Atemfrequenz hervor. Erlacher deutet dies so, dass die Handlungen im Traum eine Simulation von tatsächlichen Bewegungen darstellen.

In einem weiteren Experiment sollten die Probanden vor dem Schlafen Münzen in eine zwei Meter entfernte Tasse werfen, diese Aufgabe im Traum üben und am Morgen wiederholen. "Die Trefferquote derer, die im Klartraum geübt hatten, stieg um fast 40 Prozent an, während sich die Quote derer, die nicht übten, um 15 Prozent verschlechterte", sagt Erlacher. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass noch weiterer Forschungsbedarf bestehe. Immer wieder sind es Einzelfälle, die als Beleg für einen möglichen Erfolg angeführt werden. So soll der Psychologe Paul Tholey, der selbst zum Thema forschte, während des Träumens seine Fähigkeiten im Skateboard- oder Einrad-Fahren verbessert haben.

Klarträumen kann nach Überzeugung der Wissenschaftler mit ein wenig Übung und mit Hilfe zweier Techniken erlernt werden. Zum einen solle man sich tagsüber mehrmals die Frage stellen, ob man träume, damit die Frage in Fleisch und Blut übergehe und im Traum bejaht werden könne. Zum anderen solle man versuchen, die Klarheit über den eigenen Bewusstseinszustand während des Einschlafens aufrechtzuerhalten und so in die Traumwelt mitzunehmen.

Auch Menschen, die unter Albträumen leiden, sollen aus den luziden Träumen einen Nutzen ziehen können. Davon ist Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien überzeugt. Sie untersuchte 36 Probanden, die regelmäßig von Albträumen geplagt wurden. Diese wurden in zwei Gruppen aufgeteilt; beide absolvierten eine Gestalttherapie, die darauf angelegt ist, den Patienten ihre eigenen Kräfte zur Heilung bewusstzumachen. Eine Gruppe erlernte darüber hinaus noch das Klarträumen. In beiden Gruppen konnte nachgewiesen werden, dass deutlich weniger Albträume vorkamen. Die Klarträumer konnten jedoch im Anschluss besser schlafen als die Patienten der Kontrollgruppe. Auch bei Süchten könnte der Klartraum eine Stütze sein. Ein ehemaliger Alkoholiker etwa trank während des Klartraums genussvoll und wurde so in der Realität nicht rückfällig. "Dieses Beispiel ist jedoch ein Einzelfall", sagt Holzinger, und daher müssten weitere Untersuchungen folgen.

Auf dem Gebiet der Angstträume forscht die Wissenschaftlerin weiter. Sie möchte traumatisierten Patienten helfen, ihre Albträume zu überwinden. Diese äußern sich auch in immer wiederkehrenden "Flashbacks", also wiedererlebten Gefühlszuständen zur Zeit der Traumatisierung. Dazu sucht sie noch Probanden. Von einem Alleingang im Traum rät sie aber ab, da das Begegnen mit dem traumatischen Ereignis im Klartraum häufig belastend sei: "Die Wirkungen auf die Psyche sind noch gänzlich ungeklärt."

In der Schulmedizin sieht man die neuen Ansätze teils mit Skepsis. "Der Traum ist eigentlich ein Schlafzustand, in dem man nichts bewusst tun kann", sagt Ingo Fietze vom Schlafmedizinischen Zentrum der Charité in Berlin. Bewusstes Handeln sei immer mit dem Wachsein verbunden. Außerdem sei es bisher nicht möglich, die Trauminhalte zu messen, da diese mit dem Aufwachen verbunden und daher lediglich nacherzählbar seien. Er stehe nur der Methode an sich kritisch gegenüber, ein endgültiges Urteil will Fietze nicht abgeben: "Letztlich wissen wir auf dem Gebiet der Träume allgemein noch viel zu wenig. Gut möglich, dass wir den Traum zu Therapiezwecken nutzen können."

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